Es ist dem
us-amerikanischen Entertainer Bing Crosby und seiner Abneigung
gegenüber Live-Sendungen zu verdanken, dass sich
bereits in den ausgehenden 1940er Jahren das Magnet-Tonband bei
der Produktion von Radiosendungen durchzusetzen begann. Der Legende
nach ermöglichte ihm die neue Aufzeichnungstechnologie seiner
Leidenschaft für das Golfspiel nachzukommen, selbst wenn
er gleichzeitig einen Auftritt im Radio zu absolvieren hatte.
Viel wichtiger aber war, dass der Perfektionist Bing Crosby das
Magnetband, das als Kriegsbeute aus einem Radiosender im hessischen
Bad Nauheim den Weg in die USA fand, dazu nutzen konnte, seine
Sendungen bis ins Detail hinein auszuarbeiten. Begeistert von
den sich ihm bietenden Möglichkeiten investierte Crosby
hohe Summen in die seinerzeit noch so gut wie unbekannte Firma
Ampex, die sich auf die Verbesserung der Tonbandtechnologie spezialisierte.
Ampex war es auch, die kurz darauf das neu gewonnene Kapital
dazu nutzte, die neue Technologie zielgerichtet zur Konservierung
von Fernsehbildern fortzuentwickeln.
Von hier
aus bis zu den Heimvideorekordern der 1980er Jahre war zwar
noch ein weiter Weg, innerhalb dessen Ampex und die
USA die Technologieführerschaft an aufstrebende japanische
Elektronikkonzerne verlor, weitaus spannender aber ist eine Parallelentwicklung,
bei der – und dies ist im Grunde nichts anderes als ein
eklatanter Missbrauch von Unterhaltungselektronik - das neue
Medium alternative, ja avantgardistische Verwendungsweisen fand.
Die Gründe hierfür sind schnell benannt: Video ist
eine „billige“ und vergleichsweise einfach zu handhabende
Technologie. Es muss also wenig erstaunen, dass sich an diese
Eigenschaften die Utopie eines geradezu basisdemokratischen Mediengebrauchs
heftete. Es erschien mit einem mal möglich, die Richtung
vom Sender zum Empfänger umzudrehen und dem als ebenso übermächtig
wie regressiv empfundenen Fernsehdispositiv eigene „Images“ entgegenzusetzen.
Davon zeugen etwa die „Schleyer-Bänder“ von
Klaus vom Bruch, der die Berichterstattung zur Entführung
Hans Martin Schleyers auf Magnetband aufzeichnete, um mit diesem
Material eine alternative Sicht auf die Geschehnisse, vor allem
auf die daraus resultierende Medienhysterie zu kompilieren. Avancierter
noch sind die Arbeiten Nam June Paiks, der in den elektronischen
Bildern des Videos einen Weg sah, Marshall McLuhans Versprechen
eines „Global Village“, einer Weltgesellschaft einzulösen.
Bei Paik wird aus dem Global Village nun ein „Global Groove“ und
die Vorstellung eines „Common Video Market“ analog
zum gemeinsamen Wirtschaftsmarkt der seinerzeit sich konsolidierenden
Europäischen Union: „Wenn wir ein wöchentliches
Fernsehfestival zusammenstellen könnten, das aus Musik und
Tanz einer jeden Nation besteht, und es über den vorgeschlagenen
gemeinsamen Videomarkt frei an die ganze Welt verteilen, würde
die Wirkung auf Erziehung und Unterhaltung deshalb phänomenal
sein.“1 Aus heutiger Sicht mögen solche Vorstellungen
als hoffnungslos naiv erscheinen, dennoch vermag es auch etwas über
das Potenzial eines Mediums auszusagen, wenn man sich vergegenwärtigt,
welche Hoffnungen in es hineingelegt wurden.
Daneben ist
Video aber auch immer schon „Closed Circuit
Television“ (CCTV), als welches die mediale Vorrichtung
gegenwärtig immer größere Verbreitung nicht mehr
nur in den Großstädten findet. Doch auch dies wurde
zunächst als Erweiterung des Möglichkeitsspektrums
wahrgenommen. Die technische Machbarkeit des instantanen Feedbacks,
des sich selbst sehen könnens, während man vom Kameraauge
gesehen wird, ist eine Leistung des Apparats, die von Künstlern
begeistert aufgegriffen wird und die die Kunsthistorikerin Rosalind
Krauss als geradezu konstitutiv für den künstlerischen
Gebrauch des neuen Mediums beschreibt.2 Von den hochkomplexen
Performances eines Peter Campus oder Bruce Naumans einmal abgesehen,
gehört sicherlich Jochen Gerz' „Rufen bis zur Erschöpfung“ zu
den eindrücklichsten oder einprägsamsten Beispielen
eines solchen „Narzissmus“. In großer räumlicher
Distanz zur laufenden Videokamera ruft er so lange „Hallo“,
bis ihm die Stimme gebricht. Die resultierende Arbeit wird „kaum
jemand bisher tatsächlich […] von Anfang bis Ende
geschaut“ haben,3 wie Rudolf Frieling lakonisch bemerkt
und es wird deutlich, das in dieser Arbeit weniger ein kontemplativ
zu rezipierendes Kunstwerk angestrebt werden soll, als vielmehr
das Sehen und das Gesehenwerden thematisiert werden. Das Medium „Video“ dient
hierbei vor allem der Distanznahme, der Verunmöglichung
einer Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Man sieht dem Künstler
dabei zu, wie er sich verausgabt, und kann doch nicht eingreifen.
In unserer
Gegenwart der allgegenwärtigen Überwachungskameras
wäre es sicherlich ein leichtes, diese Performance zu reinszenieren.
Bis zur Erschöpfung zu Rufen, dabei von einer Kamera beobachtet
zu werden, ohne dass eine Kommunikation zustande käme, denn
die Bilder der Kameras werden von niemandem gesehen. Genau hier
greift Raul Gschrey ein. Er zeigt uns die aufgezeichneten Bilder,
er thematisiert ihre Präsenz, indem er sich ihren Blicken
ausliefert. Er lässt uns sehen, wie wir gesehen werden und
verwandelt uns in Narzissten, indem er die Überwachungskameras – entsprechend
der spezifischen Leistung des technischen Dispositivs – als
Spiegel einsetzt: Uns selbst sehend sehen machen. Eingelöst
wird dieses Versprechen in der Arbeit „immer wenn ich eine
kamera sehe, fühle ich mich wie ein schauspieler“,
bei der die Verkehrsraumüberwachung Teil einer Installation
wird, innerhalb derer sich die Überwachten selbst in Szene
setzen können. „SEE“, eine weitere Installation
aus alten, überdimensionalen Buchstaben einer Schauwerbereklame
von Raul Gschrey ist also durchaus imperativisch gemeint. Hierbei
geht es jedoch nicht um den einfachen Akt des Sehens, einer Verdoppelung
des ohnehin zu Sehenden, sondern vor allem um eine Auseinandersetzung
mit einer apparativ vermittelten Visualität. Deutlich wird
dies insbesondere in der „closed circuit conversation“ und
ihrer sich überlagernden Bilder zweier, sich gegenüber
stehender Personen, ebenso wie in der Arbeit „hollywood
revisited“, bei der das Dispositiv Video eingesetzt wird,
um sich selbst zu filmen und das Innere nach außen zu kehren.
Es ist, so
ließe sich resümieren, die besondere,
oder sollte man nicht besser sagen: subversive Leistung von Raul
Gschrey, einen ausgeprägten medien- und kunstwissenschaftlichen
Diskurs den Überwachungskameras wieder zu re-implantieren.
Die ubiquitär gewordene Überwachung des öffentlichen
Raumes mittels einer Erfindung der Unterhaltungsindustrie wird
so rückbezogen auf künstlerische Strategien des Erscheinens
in einem apparativ vermittelten Kontext ebenso wie auf Utopien
einer selbstbestimmten Produktion von „Images“. Es
ist diesmal jedoch kein Missbrauch von Unterhaltungselektronik
mehr, sondern bereits von einer Überwachungstechnologie.
Es steht bloß noch der Versuch aus, Videoaufzeichnungen
von sich inszenierenden Menschen weltweit zusammen zu schalten:
Die Wirkung auf Erziehung und Unterhaltung würde fraglos
phänomenal sein.
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1
Nam June Paik: "Global Groove und der gemeinsame Videomarkt",
in: Ders.: Niederschriften eines
Kulturnomaden. Aphorismen, Briefe, Texte, hg. v. E. Decker, Köln
1992, S. 132-135, hier S. 134.
2
Vgl. Rosalind Krauss: "Video: The Aesthetics of Narcissism",
in: John G. Hanhardt (Hg.): Video Culture. A Critical Investigation,
Rochester 1986, S. 179-191, hier S. 180. Hervorhebung im Original.
3
Rudolf Frieling: 1972. "Rufen bis zur Erschöpfung.
Jochen Gerz", in: Rudolf Frieling, Wulf Herzogenrath (Hg.): 40Jahrevideokunst.de.
Digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute,
Ostfildern 2006, S. 128-131, hier S. 128.