Keine einfache Sache, das mit dem Sehen und Gesehen werden.
Denn zum einen begibt man sich zielstrebig auf Empfänge,
geht ins Theater und lässt keine Vernissage aus, um zu gewährleisten,
dass man alles was wichtig ist mit den eigenen Augen erfasst
habe und vor allem in der Hoffnung, der Blick der Andern möge
die eigene Person bei diesem Vorgang registriert haben. Dieser
bewusst herbei geführte Vorgang reziproker Wahrnehmung entspringt
dem Bedürfnis nach Verortung des Einzelnen als Teil einer
Gruppe und ist Ausdruck eines visuell zu befriedigenden sozialen
Sicherheitsbedürfnisses der Akteure. Das Sehen und Gesehen
Werden also erscheint uns einerseits als ein an bestimmten Orten,
zu bestimmten Anlässen und zu bestimmten, allen Beteiligten
bekannten Zeitpunkten von mündigen Individuen erzeugter
Prozess gegenseitiger Affirmation.
Andererseits existiert heute allerorts ein anderes Phänomen
des Sehens und Gesehen Werdens, rund um die Uhr und ohne, dass
die Beteiligten davon wissen. Präzisieren müsste man:
ohne dass die Gesehenen davon wissen. Denn die Rede ist von den
im städtischen Raum mittlerweile nahezu omnipräsenten Überwachungskameras,
hinter deren Überwachungsbildschirmen das jeweilige Überwachungspersonal
sitzt und Stunde um Stunde auf die zu Überwachenden blickt – die
sich zumeist freilich nicht als Überwachte bezeichnen würden,
da sie nicht wissen, dass und von wem sie gesehen werden. Dieses
Phänomen und die Fragwürdigkeit des hinter dieser Form
des Sehens und Gesehen Werdens stehenden Sicherheitsbedürfnisses,
ist Gegenstand der künstlerischen Arbeit von Raul Gschrey:
mit „SEE“ dreht er den Spieß herum. Die drei
im städtischen Raum an verschiedenen Orten temporär
aufgestellten großen Metallbuchstaben scheinen sowohl den
Augen ahnungsloser Passanten wie auch den Augen der Kameras und
damit den Augen der dahinter sitzenden bzw. stehenden Köpfe
zu zurufen: Seht! Seht was ihr da tut!
Dass die ausrangierten, schon reichlich ramponierten, ehemaligen
Buchstaben einer Leuchtreklame auf English ihre Botschaft formulieren,
kann als mahnender Hinweis auf eine allzu rasche und unreflektierte Übernahme
anglo-amerikanischer Stadt- und Sicherheitskonzepte verstanden
werden. Raul Gschrey fordert mit dieser Arbeit sowohl die Sehenden
als auch die Gesehenen dazu auf, ihren Blick zu heben und dazu,
sich weder leichtfertig in Täter- oder Opferpositionen zu
begeben, sondern die Chance auf mündige Zeitgenossenschaft
zu nutzen und sich ihm anzuschließen, wenn er augenzwinkernd
von uns fordert: Augen auf!