Augen auf! Sehen und Gesehen Werden.
"SEE" von Raul Gschrey.

Rahel Hünig
(Studium der Kunstpädagogik und Geschichte, J.W. Goethe-Universität Frankfurt)
 
     
 

Keine einfache Sache, das mit dem Sehen und Gesehen werden. Denn zum einen begibt man sich zielstrebig auf Empfänge, geht ins Theater und lässt keine Vernissage aus, um zu gewährleisten, dass man alles was wichtig ist mit den eigenen Augen erfasst habe und vor allem in der Hoffnung, der Blick der Andern möge die eigene Person bei diesem Vorgang registriert haben. Dieser bewusst herbei geführte Vorgang reziproker Wahrnehmung entspringt dem Bedürfnis nach Verortung des Einzelnen als Teil einer Gruppe und ist Ausdruck eines visuell zu befriedigenden sozialen Sicherheitsbedürfnisses der Akteure. Das Sehen und Gesehen Werden also erscheint uns einerseits als ein an bestimmten Orten, zu bestimmten Anlässen und zu bestimmten, allen Beteiligten bekannten Zeitpunkten von mündigen Individuen erzeugter Prozess gegenseitiger Affirmation.

Andererseits existiert heute allerorts ein anderes Phänomen des Sehens und Gesehen Werdens, rund um die Uhr und ohne, dass die Beteiligten davon wissen. Präzisieren müsste man: ohne dass die Gesehenen davon wissen. Denn die Rede ist von den im städtischen Raum mittlerweile nahezu omnipräsenten Überwachungskameras, hinter deren Überwachungsbildschirmen das jeweilige Überwachungspersonal sitzt und Stunde um Stunde auf die zu Überwachenden blickt – die sich zumeist freilich nicht als Überwachte bezeichnen würden, da sie nicht wissen, dass und von wem sie gesehen werden. Dieses Phänomen und die Fragwürdigkeit des hinter dieser Form des Sehens und Gesehen Werdens stehenden Sicherheitsbedürfnisses, ist Gegenstand der künstlerischen Arbeit von Raul Gschrey: mit „SEE“ dreht er den Spieß herum. Die drei im städtischen Raum an verschiedenen Orten temporär aufgestellten großen Metallbuchstaben scheinen sowohl den Augen ahnungsloser Passanten wie auch den Augen der Kameras und damit den Augen der dahinter sitzenden bzw. stehenden Köpfe zu zurufen: Seht! Seht was ihr da tut!

Dass die ausrangierten, schon reichlich ramponierten, ehemaligen Buchstaben einer Leuchtreklame auf English ihre Botschaft formulieren, kann als mahnender Hinweis auf eine allzu rasche und unreflektierte Übernahme anglo-amerikanischer Stadt- und Sicherheitskonzepte verstanden werden. Raul Gschrey fordert mit dieser Arbeit sowohl die Sehenden als auch die Gesehenen dazu auf, ihren Blick zu heben und dazu, sich weder leichtfertig in Täter- oder Opferpositionen zu begeben, sondern die Chance auf mündige Zeitgenossenschaft zu nutzen und sich ihm anzuschließen, wenn er augenzwinkernd von uns fordert: Augen auf!

 
     
 

 

 
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