"Immer wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist, fühle
ich mich wie ein Schauspieler" lautet der Titel der Videoinstallation
von Raul Gschrey. Ein Monitor zeigt eine Gruppe von Personen
im Frankfurter Stadtraum. Die Akteure tummeln sich auf einem
Stück Straßenfläche, einem schmalen Grat inmitten
einer Kreuzung, umgeben von fahrenden Autos und Straßenbahnen.
Zu sehen ist eine Verhandlung mit den gegebenen Umständen;
ein Spiel mit den Regeln der gesellschaftlichen Interaktion im
Rahmen der Handlungsoptionen öffentlicher Bereiche. Ein
Stück vorwärts gehen, ein bisschen zurück. Die
rote Ampel bedeutet den Bewegungsraum auf die Strasse auszudehnen,
die Grünphase die Möglichkeit Straßenbahnlinien
zu überschreiten und sich in Sicherheit zu bringen. Übersichtliche
Abfolge, einfache Reglements. Jedoch ist Gschrey keineswegs daran
interessiert nach den Regeln zu spielen. Er schickt seine Schauspieler über
den Bürgersteig hinaus um das Spielfeld auszudehnen, zu
erfahren und Grenzen neu auszulotsen und - dehnen. Was in der
Installation
dem Betrachter deutlich als möglich, spielerisch und organisiert
präsentiert wird, ist - übertragen auf die eigentliche
Aktion im öffentlichen Raum - eine aktiv-subversive Infragestellung
gesellschaftlicher Auflagen. Es ist kein Agieren nach den Regeln,
es handelt sich vielmehr um ein Spiel mit den Regeln.
Das Spiel als sozialer Akt folgt einem Zweck, welcher außerhalb
der jeweiligen Spielsituation wenig Relevanz aufweist, wenn es
auch für die Spieler eine wichtige Handlung ist. Für
Jene ist die Handlungsfreiheit Methode und Motivation der Spielerei
und setzt eigenes Denken voraus. So entwickelt sich der homo
ludens, durch seine gemachten Erfahrungen zu dem
was er ist. Folgt man Johan Huizinga weiter, so entwickeln sich
gesellschaftliche Systeme wie Politik, Wissenschaft oder Religion
aus spielerischen Verhaltensweisen. Entstehende Rituale bilden
im Laufe der Zeit institutionelle Reglements. Aus dem Spiel wird
bitterer Ernst. Raul Gschrey dreht diesen Prozess um, allerdings
ohne die Ernsthaftigkeit der Lage zu übergehen. Gesellschaftliche
Normen und Gewohnheiten liegen hier im Zentrum seines Fokus'.
Wie verhalten sich die Akteure - und damit sind alle am öffentlichen
Leben beteiligten Menschen gemeint - im öffentlichen Raum?
Wie soll und kann man sich verhalten? Wer überwacht und
beeinflusst dieses Spiel?
Gschreys eigene Aufnahmen der Performance werden von Videostills
einer zweiten Kamera ergänzt. Es handelt sich um die Aufnahmen
der städtischen Überwachungskamera. Die Bilder zeigen
die gleiche Situation während der Tatzeit. Sie verleihen
dem Geschehen - nicht zuletzt aufgrund der eigenen und dem Betrachter
wohlbekannten Ästhetik - einen schalen Beigeschmack. Dabei
ist nicht die laufende Kamera Grund für die Verunsicherung,
vielmehr die Ungewissheit wer noch beobachtet und vor allem mit
welcher Intention. Das System der Strasse und die unbewusste
Handlungsreglementierung wird so durch eine weitere, eine offizielle
Instanz erweitert. Sie birgt die Gefahr, die spielerische Aktion
aus ihrem Kontext und damit auf eine andere Ebene zu heben. Mit
der möglichen Konsequenz entsteht eine Bedeutung für
alltagsweltliche Situationen, was zugleich der Performance ihre
Attitüde des Spiels entzieht. Es findet eine Bedeutungstransformation
statt. Die Überwachungskamera, scheinbar installiert zum
Schutz der Bürger wird zur nicht absehbaren Gefahr. Es muss
nicht mal ein bewusster "Regelverstoß" begangen
werden.
Alleine durch die Öffentlichkeit der Straßenszene
und der anwesenden Zuschauerschaft entsteht eine Beobachtungssituation.
Gesteigert durch die institutionelle Musterung der Kamera, transformiert
sich das unverfängliche Spiel in eine Darbietung auf verschiedenen
Ebenen. Die Spieler in Gschreys Video werden zu Schauspieler
für verschiedene Öffentlichkeiten. Die städtische
Kamera, in ihrer Funktion als Überwachungsinstrument, erhöht
die Dramatik der Aktion sowie die Fragwürdigkeit eines möglicherweise
missbilligenden Auditoriums. Mit der Existenz des unsichtbaren
Dritten steht möglicherweise "etwas auf dem Spiel".
Das Austesten des Handlungsspielraums ist als Provokation zu
deuten, als ein Versuch sich über die Bestimmungen hinweg
zu setzen. Die Entwicklung vom passiven Beobachteten hin zu einem
selbstbestimmten Akteur, der seinen Spielraum an Handlungsoptionen
bewusst nutzt, ist eine Veränderung die Gschrey einfordert.
Es ist das Prinzip, welches diese Installation mit anderen seiner
Arbeiten verbindet. Sich den Regeln und einer Obrigkeit zu unterwerfen
ist nicht erlaubt, es ist an der Zeit sie infrage zustellen.