"Immer wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist, fühle ich mich wie ein Schauspieler"
Bernd Metz
(Studium der Kulturanthropologie und Kunstpädagogik, J.W. Goethe-Universität Frankfurt)
 
     
 

"Immer wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist, fühle ich mich wie ein Schauspieler" lautet der Titel der Videoinstallation von Raul Gschrey. Ein Monitor zeigt eine Gruppe von Personen im Frankfurter Stadtraum. Die Akteure tummeln sich auf einem Stück Straßenfläche, einem schmalen Grat inmitten einer Kreuzung, umgeben von fahrenden Autos und Straßenbahnen. Zu sehen ist eine Verhandlung mit den gegebenen Umständen; ein Spiel mit den Regeln der gesellschaftlichen Interaktion im Rahmen der Handlungsoptionen öffentlicher Bereiche. Ein Stück vorwärts gehen, ein bisschen zurück. Die rote Ampel bedeutet den Bewegungsraum auf die Strasse auszudehnen, die Grünphase die Möglichkeit Straßenbahnlinien zu überschreiten und sich in Sicherheit zu bringen. Übersichtliche Abfolge, einfache Reglements. Jedoch ist Gschrey keineswegs daran interessiert nach den Regeln zu spielen. Er schickt seine Schauspieler über den Bürgersteig hinaus um das Spielfeld auszudehnen, zu erfahren und Grenzen neu auszulotsen und - dehnen. Was in der Installation
dem Betrachter deutlich als möglich, spielerisch und organisiert präsentiert wird, ist - übertragen auf die eigentliche Aktion im öffentlichen Raum - eine aktiv-subversive Infragestellung gesellschaftlicher Auflagen. Es ist kein Agieren nach den Regeln, es handelt sich vielmehr um ein Spiel mit den Regeln.

Das Spiel als sozialer Akt folgt einem Zweck, welcher außerhalb der jeweiligen Spielsituation wenig Relevanz aufweist, wenn es auch für die Spieler eine wichtige Handlung ist. Für Jene ist die Handlungsfreiheit Methode und Motivation der Spielerei und setzt eigenes Denken voraus. So entwickelt sich der homo ludens, durch seine gemachten Erfahrungen zu dem
was er ist. Folgt man Johan Huizinga weiter, so entwickeln sich gesellschaftliche Systeme wie Politik, Wissenschaft oder Religion aus spielerischen Verhaltensweisen. Entstehende Rituale bilden im Laufe der Zeit institutionelle Reglements. Aus dem Spiel wird bitterer Ernst. Raul Gschrey dreht diesen Prozess um, allerdings ohne die Ernsthaftigkeit der Lage zu übergehen. Gesellschaftliche Normen und Gewohnheiten liegen hier im Zentrum seines Fokus'. Wie verhalten sich die Akteure - und damit sind alle am öffentlichen Leben beteiligten Menschen gemeint - im öffentlichen Raum? Wie soll und kann man sich verhalten? Wer überwacht und beeinflusst dieses Spiel?

Gschreys eigene Aufnahmen der Performance werden von Videostills einer zweiten Kamera ergänzt. Es handelt sich um die Aufnahmen der städtischen Überwachungskamera. Die Bilder zeigen die gleiche Situation während der Tatzeit. Sie verleihen dem Geschehen - nicht zuletzt aufgrund der eigenen und dem Betrachter wohlbekannten Ästhetik - einen schalen Beigeschmack. Dabei ist nicht die laufende Kamera Grund für die Verunsicherung, vielmehr die Ungewissheit wer noch beobachtet und vor allem mit welcher Intention. Das System der Strasse und die unbewusste Handlungsreglementierung wird so durch eine weitere, eine offizielle Instanz erweitert. Sie birgt die Gefahr, die spielerische Aktion aus ihrem Kontext und damit auf eine andere Ebene zu heben. Mit der möglichen Konsequenz entsteht eine Bedeutung für alltagsweltliche Situationen, was zugleich der Performance ihre Attitüde des Spiels entzieht. Es findet eine Bedeutungstransformation statt. Die Überwachungskamera, scheinbar installiert zum Schutz der Bürger wird zur nicht absehbaren Gefahr. Es muss nicht mal ein bewusster "Regelverstoß" begangen werden.

Alleine durch die Öffentlichkeit der Straßenszene und der anwesenden Zuschauerschaft entsteht eine Beobachtungssituation. Gesteigert durch die institutionelle Musterung der Kamera, transformiert sich das unverfängliche Spiel in eine Darbietung auf verschiedenen Ebenen. Die Spieler in Gschreys Video werden zu Schauspieler für verschiedene Öffentlichkeiten. Die städtische Kamera, in ihrer Funktion als Überwachungsinstrument, erhöht die Dramatik der Aktion sowie die Fragwürdigkeit eines möglicherweise missbilligenden Auditoriums. Mit der Existenz des unsichtbaren Dritten steht möglicherweise "etwas auf dem Spiel". Das Austesten des Handlungsspielraums ist als Provokation zu deuten, als ein Versuch sich über die Bestimmungen hinweg zu setzen. Die Entwicklung vom passiven Beobachteten hin zu einem selbstbestimmten Akteur, der seinen Spielraum an Handlungsoptionen bewusst nutzt, ist eine Veränderung die Gschrey einfordert. Es ist das Prinzip, welches diese Installation mit anderen seiner Arbeiten verbindet. Sich den Regeln und einer Obrigkeit zu unterwerfen ist nicht erlaubt, es ist an der Zeit sie infrage zustellen.

 
     
   
 

 

 
  CCTV-home