"SEE"
Katharina Weick
(Kunsthistorikerin, Anglistin)
 
     
 
"SEE“ ist als realer Schriftzug im Stadtraum sichtbar. “SEE“ ist ein Imperativ, eine direkte Aufforderung aktiv zu werden und sich umzuschauen. Durch die Platzierung der Buchstaben gegenüber einer Überwachungskamera verweisen sie auch auf das “Gesehen-Werden“. Im Sinne von „sieh hin (was passiert)“ prangert es die Entwicklung der Überwachungsmechanismen, beispielsweise die inflationäre Anbringung von Kameras an Kreuzungen, an.

Sehen als wichtiger Sinn des Menschen wird zu etwas Negativem. Auf einmal wird das Sehen benutzt, womöglich sogar missbraucht, um eine zweifelhafte Politik, die Überwachungspolitik, zu unterstützen. Geradezu positiv gegen diese düstere Zukunftsvision hebt sich die Leuchtreklame als Appell ab, der Betrachter und Bewohner zu neuen Blickperspektiven auf den Stadtraum auffordert.

Neben Warnung und Aufforderung hinterfragt “SEE“ Beobachtungsmechanismen und Sehgewohnheiten. Denn trotz Überwachungskamera scheint niemand einzugreifen. Überwacht denn nun jemand die Bilder, die an der Kreuzung gemacht werden oder nicht? Im Angesicht von Kamera und scheinbarer Überwachung ist es dennoch möglich Eingriffe in den beobachteten Raum vorzunehmen, also ganz konkret die Buchstaben zu platzieren. Als Kontrolle funktioniert die Kamera also keineswegs. Merkwürdigerweise scheinen auch Passanten keine Kenntnis von den Buchstaben zu nehmen. In diesem Sinn, als nicht erblickter Gegenstand, kann der Schriftzug als Vanitas-Zeichen gelesen werden: Die alten, verblichenen und kaputten Werbebuchstaben werden in einer Großstadt, die jeden Tag neue Sensationen bietet, längst nicht mehr wahrgenommen. Sie gehören, genau wie die zahlreichen Überwachungskameras, schon zum alltäglichen Bild, sind zur Sehgewohnheit geworden.

So verweist “SEE“ als Installation und Kunstprojekt selbstreferentiell auf die Methode einer Rezeption von Kunst. Die verschiedenen Medien, also Schriftzug im Stadtraum einerseits, Überwachungskameraaufnahme und Kunstprojekt andererseits, spiegeln die vielschichtigen Wahrnehmungsformen in einer Metropole wie Frankfurt. Gleichzeitig werden genau diese Blicke und Motivationen von Sehen und Überwachen hinterfragt.

 
     
   
 

 

 
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