Die verschiedenen Arbeiten von Raul Gschrey setzen sich
auf eine sehr einmischende Art mit dem Thema Videoüberwachung
und öffentlicher Raum auseinander. Man könnte auch
sagen, Gschrey übernimmt die Kontrolle bzw. provoziert die
Sichtbarkeit der von den Kameras überwachten Räume
und Personen.
In der Installation “(re)aktionsflächen“ provoziert
er durch die markierten Flächen das Hinschauen. Nicht die
Kameras stehen im Mittelpunkt, sondern die Räume, Flächen
und Orten, auf die diese ihren Blick werfen. Damit wird klar,
wo man im Visier ist und wo es den öffentlichen, nicht überwachten
Raum noch gibt. je mehr Kameras sich also an einem Ort befinden
bzw. auf diesen blicken würden, desto schwieriger
wäre es einen solchen Raum unbeobachtet zu durchqueren.
Der stille Blick der Kameras wird zum Hindernis, in dem Gschrey
ihn durch die Markierungen sicht- und nachvollziehbar macht.
Die Installation "bewegungsspielraum“ arbeitet
mit derselben Logik – nur wird hier der überwachte
Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Vordergründig beschreibt
Gschrey den eingeschränkten Bewegungsraum des Menschen durch
die Überwachung.
Tatsächlich aber provoziert er auch hier die Technik und
das Überwachungsregime durch einen legalen Normbruch. Er
will den Blick der Kameras auf sich lenken, auch sich als gefesselte
Person, die bewusst eine Reaktion herausfordern will. Die Kamera
schaut nicht nur, sondern wird zum Publikum gemacht, zum Mitwisser,
der reagieren muss. In einer weiteren Ebene erreicht er dadurch
ebenfalls die Hervorhebung der Kameras, widersetzt sich der passiven
Beobachtung und führt den Zweck der Kameras ad absurdum.
Denn die sollen kein Publikum einer Kunstaktion sein, sondern
der mehr oder weniger heimliche, nicht-diskriminierende Blick
auf alles, was sich in ihrem Blickfeld so tut. Beide Arbeiten
beinhalten die Störung der öffentlichen Ordnung - und übernehmen
daher zu einem Teil die Kontrolle bzw. holen sie sich zurück.
Der Künstler bestimmt die Aktion, provoziert eine Reaktion
und degradiert die Kameras zum Kunstpublikum, wie es alle umstehenden
Menschen zu Mitwissern und gleichsam aktiven Mitstreitern macht.

“little brother is watching you“ arbeitet eher konventionell,
in dem es mit den Überwachungskameras eine Simulation bietet,
die irritieren soll. Anders als die beiden anderen Arbeiten allerdings
interveniert sie nicht den Ablauf und Zweck der Kameras, sondern
doppelt den Effekt.
Alle Arbeiten können als Teil eines künstlerischen
Widerstandes gegen Überwachung verstanden werden, als Interventionen,
als Versuch, die Kontrolle über den öffentlichen Raum
wieder zu erlangen. Sie stören das Erwartungsbild, beziehen
die Öffentlichkeit mit ein und schaffen eine neue Ordnung
und Freiheit - gerade die nämlich droht durch den meist
unwidersprochenen Anspruch der Überwachungsordnung
brüchig zu werden. Die gezielten Provokationen zeigen die
noch möglichen Freiheiten auf bzw. holen diese zurück.
Je besser eine solche Provokation gelingt - z.B. wenn Ordnungskräfte
auftreten sollten, die den Normbruch beseitigen wollen, je deutlicher
wird das Maß der Einschränkung unserer Freiheiten.
Je legaler diese Interventionen sind, umso subversiver ist ihre
Wirkung: eine Demonstration wird kalkuliert und erwartet - eine
Person in Absperrband dürfte allerdings mehr spontane Reaktionen
hervorrufen. Auch ein ironisches Augenzwinkern ist den Aktionen
von Gschrey nicht abzusprechen, was letztlich noch herausfordernder
wirken könnte.