Raul Gschrey und die künstlerische Übernahme der Kontrolle im öffentlichen Raum
Dr. Nils Zurawski
(Institut für Kulturanthropologie, Universität Hamburg)
 
     
 

Die verschiedenen Arbeiten von Raul Gschrey setzen sich auf eine sehr einmischende Art mit dem Thema Videoüberwachung und öffentlicher Raum auseinander. Man könnte auch sagen, Gschrey übernimmt die Kontrolle bzw. provoziert die Sichtbarkeit der von den Kameras überwachten Räume und Personen.

In der Installation “(re)aktionsflächen“ provoziert er durch die markierten Flächen das Hinschauen. Nicht die Kameras stehen im Mittelpunkt, sondern die Räume, Flächen und Orten, auf die diese ihren Blick werfen. Damit wird klar, wo man im Visier ist und wo es den öffentlichen, nicht überwachten Raum noch gibt. je mehr Kameras sich also an einem Ort befinden bzw. auf diesen blicken würden, desto schwieriger wäre es einen solchen Raum unbeobachtet zu durchqueren. Der stille Blick der Kameras wird zum Hindernis, in dem Gschrey ihn durch die Markierungen sicht- und nachvollziehbar macht.

Die Installation "bewegungsspielraum“ arbeitet mit derselben Logik – nur wird hier der überwachte Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Vordergründig beschreibt Gschrey den eingeschränkten Bewegungsraum des Menschen durch die Überwachung. Tatsächlich aber provoziert er auch hier die Technik und das Überwachungsregime durch einen legalen Normbruch. Er will den Blick der Kameras auf sich lenken, auch sich als gefesselte Person, die bewusst eine Reaktion herausfordern will. Die Kamera schaut nicht nur, sondern wird zum Publikum gemacht, zum Mitwisser, der reagieren muss. In einer weiteren Ebene erreicht er dadurch ebenfalls die Hervorhebung der Kameras, widersetzt sich der passiven Beobachtung und führt den Zweck der Kameras ad absurdum. Denn die sollen kein Publikum einer Kunstaktion sein, sondern der mehr oder weniger heimliche, nicht-diskriminierende Blick auf alles, was sich in ihrem Blickfeld so tut. Beide Arbeiten beinhalten die Störung der öffentlichen Ordnung - und übernehmen daher zu einem Teil die Kontrolle bzw. holen sie sich zurück. Der Künstler bestimmt die Aktion, provoziert eine Reaktion und degradiert die Kameras zum Kunstpublikum, wie es alle umstehenden Menschen zu Mitwissern und gleichsam aktiven Mitstreitern macht.

“little brother is watching you“ arbeitet eher konventionell, in dem es mit den Überwachungskameras eine Simulation bietet, die irritieren soll. Anders als die beiden anderen Arbeiten allerdings interveniert sie nicht den Ablauf und Zweck der Kameras, sondern doppelt den Effekt.

Alle Arbeiten können als Teil eines künstlerischen Widerstandes gegen Überwachung verstanden werden, als Interventionen, als Versuch, die Kontrolle über den öffentlichen Raum wieder zu erlangen. Sie stören das Erwartungsbild, beziehen die Öffentlichkeit mit ein und schaffen eine neue Ordnung und Freiheit - gerade die nämlich droht durch den meist unwidersprochenen Anspruch der Überwachungsordnung brüchig zu werden. Die gezielten Provokationen zeigen die noch möglichen Freiheiten auf bzw. holen diese zurück. Je besser eine solche Provokation gelingt - z.B. wenn Ordnungskräfte auftreten sollten, die den Normbruch beseitigen wollen, je deutlicher wird das Maß der Einschränkung unserer Freiheiten.

Je legaler diese Interventionen sind, umso subversiver ist ihre Wirkung: eine Demonstration wird kalkuliert und erwartet - eine Person in Absperrband dürfte allerdings mehr spontane Reaktionen hervorrufen. Auch ein ironisches Augenzwinkern ist den Aktionen von Gschrey nicht abzusprechen, was letztlich noch herausfordernder wirken könnte.

 
     
 

 

 
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